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Am vergangenen Wochenende ist ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders bei einem Autounfall tödlich verunglückt.
Ich schreibe dies, damit ich einen Anfang für das finden kann, was aus mir raus will, denn die Gedanken scheinen mich schier zu erdrücken.
Ich habe schon zu vielen Beerdigungen beiwohnen müssen. Zu viele geliebte Menschen haben das Ende ihres Lebens erreicht und ich bin zurück geblieben. Erhielt als 'Erbe' die scheinbar nicht enden wollende Trauer. Mit allem habe ich mich auseinander gesetzt. Aber dieses Wochenende hat mich getroffen. Denn es erschien mir auf einmal alles unbegreiflich.

Es ist mir unbegreiflich, dass jemand von heute auf morgen nicht mehr sein kann. Er hinterlässt eine Lücke. Eine Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt. Es ist nicht nur eine Lücke - es ist eine Wunde. Eine tiefe. Diese Person wird nie wieder abends nach Hause kommen, sich am frühen Morgen in die Wohnung schleichen, über zu hart geratene Nudeln oder zu weich gekochte Eier beschweren. Er ist einfach nicht mehr da. Und egal, wie detailliert ich meine Gedanken und Gefühle hier und jetzt (be)schreibe, kann ich nicht glauben, dass man diesen Umstand erfassen kann. Dass man ermessen kann, was es heißt, das das Leben von einem verlangt, dem Alltag weiterhin nachzugehen. Ist das zu verstehen? Wieso geht es weiter? Es fehlt doch jemand. Zwar war er nur ein kleiner Teil, irgend jemand, einer von vielen - aber er war dies von einem großen Ganzen. Und eigentlich müsste das doch nun ins Stocken geraten: Schließlich ist es nicht mehr vollständig. Es fehlt ein (entscheidendes) Rädchen. Es müsste doch nun alles aus dem Ruder laufen, da es normal nicht mehr laufen kann. Es ist doch defekt - aber das ist nicht der Fall. Warum? Er kann doch durch nichts und niemand ersetzt werden. Sein Platz ist doch leer. Warum bleibt die Welt nicht stehen?

In mir hat sich eine hilf- und scheinbar grenzenlose Wut ausgebreitet. Begleitet von ohnmächtiger Trauer. Darüber, dass wir nur einen Wimpernschlag auf dieser Erde verweilen. Werden. Können. Sollen. Müssen. Darüber, dass wir so viel schönes sehen, riechen, hören, schmecken, erleben. Werden, können, sollen, müssen. Darüber, dass uns dieses Wunder geschenkt wird. Eine Wundertüte. Ein Traum. Ein Märchen. Und vor allem darüber, dass uns nach viel zu kurzer Zeit das alles wieder entrissen wird. Wer ist so mies? Warum? Tausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Ich weiß, dass ich sicher nicht die richtigen, die passendsten Worte gewählt habe. Millarden anderer Dinge könnte ich hinzufügen, ausradieren, verbessern. Aber es ist so leer. Ich bin mir nicht sicher, ob dies ein Vor- oder Nachwort sein soll. Oder will ich meine Aussage sogar revidieren? Nein. Es ist wohl doch eher ein Vor- oder Nachwort: Ja, es lohnt sich nicht, nach einem Abschied sein viel zu kurzes Leben in die Watte der Trauer einzupacken. Aber wie sonst soll dieser Schmerz vergehen können? Man kann so tun, als wäre man stark. Der Stärkste. Die Stärkste. "Hey, das Leben ist noch nicht zu Ende." Aber schräg betrachtet hat diese Aussage einen falschen Charakter. Das Leben ist zu Ende, bevor es überhaupt wirklich begonnen haben kann. Das Leben der Person, die ich innigst liebte, ein Teil meines Lebens, ein Freund, ein flüchtiger Bekannter - dieses Leben ist vorbei. Und meines kann es schon morgen sein. Richtiger wäre es zu sagen "Hey, du steckst noch mitten im Leben. Das Leben ist ein Märchen. Es hat viele Kapitel. Soeben wurde wieder eines beendet. Hab keine Angst vor dem neuen! Denn auch dieses gehört zu dir."
9.10.06 23:25


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